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Interview mit dem Übersetzer

 

Wulf Bergner

 

(Wolfsmond, Susannah, Der Turm, Das Schwarze Haus, Das Mädchen)

für www.stephen-king.de

geführt von Gerald Schnellbach

 

Hallo Herr Bergner, wir freuen uns, dass Sie sich die Zeit genommen haben, uns ein paar Fragen bezüglich Ihrer Arbeit als Übersetzer zu geben.

Würden Sie sich bitte mit ein paar Worten vorstellen. Wer ist Wulf Bergner und wie wurde er Übersetzer?

Wulf Bergner: Übersetzer bin ich geworden, weil ich schon während des Studiums in München, das 1965 mit der »Staatlichen Prüfung für Übersetzer und Dolmetscher« endete, angefangen habe, für den Moewig-Verlag SF-Titel zu übersetzen. Sollte jemand daraus schließen, dass dieser Übersetzer nicht mehr ganz jung sein kann, hat er völlig Recht: Ich habe im Herbst 2004 nach 38 Berufsjahren theoretisch das Rentenalter erreicht, denke aber noch längst nicht ans Aufhören.

Wenn Sie ein Buch übersetzen, schlagen Sie das Original auf und fangen mit der Übersetzung an oder lesen Sie erst das ganze Buch einmal durch? Wie bereiten Sie sich auf eine Übersetzung vor?

Wulf Bergner: Obwohl ich weiß, dass es Kollegen gibt, die ein zu übersetzendes Buch vorher nicht lesen, »um sich die Spannung zu erhalten«, lese ich das ganze Buch aufmerksam durch. Aus Erfahrung weiß ich, dass die Gewichtung der handelnden Personen, ihre Beziehungen zueinander und teilweise auch ihre Motive sich umso besser herausarbeiten lassen, je besser man sie kennt. Und so gibt's keine unliebsamen Überraschungen, wenn etwa der Held sich später doch als Schurke erweist …

Sollte ein von Ihnen übersetzten Buch ein Erfolg werden (die Top 10 erreichen), profitieren Sie davon?

Wulf Bergner: Schön wär's! Seit das Urheberrecht vor zwei Jahren novelliert wurde, kämpft mein Übersetzerverband zwar für Erfolgs- und Nebenrechtsbeteiligungen, aber in der Praxis sind solche Regelungen eher selten. Und enthält ein Verlagsvertrag mal solche Klauseln, sind die Absatzzahlen — typischerweise 100 000 Ex. bei Hardcover-Ausgaben und 150 000 Ex. bei Taschenbüchern — so unrealistisch hoch, dass auf dem halbjährlichen Abrechnungen rechts unten stets deprimierende 0,00 € stehen.

Sie übersetzten unter anderem die letzten drei Bände von Stephen Kings Reihe "Der Dunkle Turm". Haben Sie gewusst, worauf Sie sich da einlassen (Komplexität des Gesamtwerkes, Leserkritik), und würden Sie diesen Auftrag noch einmal annehmen?

Wulf Bergner: Natürlich wusste ich, worauf ich mich bei Stephen Kings »Der Dunkle Turm« einlasse. Von King hatte ich schon »Das Mädchen« (Schneekluth), »Blut und Rauch« (Ullstein), einen Großteil von »Im Kabinett des Todes«(Ullstein) und »Das Schwarze Haus« (Heyne) übersetzt, sodass ich die Schwierigkeiten abschätzen konnte. Und ich wusste, dass ich mit einem Redakteur — Patrick Niemeyer — zusammenarbeiten würde, auf dessen Kompetenz unbedingt Verlass ist. So würde ich diesen Auftrag jederzeit wieder annehmen.

Stephen King bezeichnet die Saga vom Dunklen Turm als das wichtigste Buch seiner Karriere. Das Werk wird sogar manchmal mit "Der Herr der Ringe" von J.R.R Tolkien verglichen. Was ist Ihre persönliche Meinung zu diesem Werk?

Wulf Bergner: Niemand kann Stephen King widersprechen, wenn er in seinem Nachwort zu »Der Dunkle Turm« schreibt: »Meine Idee war, die Dunkler-Turm-Romane als eine Art Zusammenfassung zu verwenden, als eine Methode, möglichst viele meiner früheren Erzählungen unter dem Mantel irgendeines Über-Romans zu vereinigen.« Tatsache ist allerdings, dass die bis zu sechs Jahre langen Pausen zwischen den von 1970 bis 2004 entstandenen Romanen sich erzählerisch und stilistisch unübersehbar bemerkbar machen.

 

Eine Parallele, die zwischen "Dark Tower" und "Der Herr der Ringe" besteht, ist die der Übersetzung. Auch dort (Krege/Carroux) gab es unterschiedliche Übersetzer. Wo liegt Ihrer Meinung nach das größte Problem bei den Übersetzungen durch verschiedene Übersetzer (Bergner/Körber)?

Wulf Bergner: »Der Teufel steckt im Detail« — damit ist das größte Problem für den neuen Übersetzer bereits umrissen. Er steckt im Korsett der Wortschöpfungen seines Vorgängers, die allen treuen Lesern seit langem geläufig sind, und muss sie weiter verwenden, selbst wenn ihm manchmal ein anderer Ausdruck lieber wäre. Und es gibt auch eine Art Verfallsdatum für Übersetzungen, das eine kritiklose Übernahme früher gefundener Lösungen oft wenig ratsam erscheinen lässt.

Stephen King verknüpfte viele seiner Werke direkt oder indirekt mit dem Dark Tower Zyklus. Haben Sie alle Bücher gelesen, die etwas mit dem Turm zu tun hatten? Brauchten Sie zusätzliche Literatur (Sachbücher)?

Wulf Bergner: Da King »möglichst viele seiner früheren Erzählungen unter dem Mantel irgendeines Über-Romans vereinigen« wollte, wäre es wenig sinnvoll gewesen, alle Bücher lesen zu wollen, die etwas mit dem Turm zu tun haben. Nein, nur wo »Dunkler Turm« draufsteht, ist »Dunkler Turm« drin — und das waren die von Joachim Körber übersetzten ersten vier Romane. Und als Nachschlagewerk hätte ich die (leider erst 2004 erschienene) Konkordanz »Das Tor zu Stephen Kings Dunklem Turm I-IV« sehr gut brauchen können.

In dem letzten Band ist auch das Gedicht "Child Roland to the Dark Tower came" von Robert Browning aus dem Jahr 1855 enthalten. Es wurde in einem heute nicht mehr gebräuchlichen Englisch geschrieben. Ist es damit heute überhaupt noch übersetzbar?

Wulf Bergner: Die Übersetzung von »Childe Roland« wirft tatsächlich Probleme auf, die für mich unlösbar wären. Das liegt jedoch daran, dass ich absolut keine Ader für Lyrikübersetzungen habe, die anderen Übersetzerinnen und Übersetzern geradezu aus der Feder fließen. Sprachlich sehe ich keine unüberwindbaren Schwierigkeiten, denn anspruchsvoller als Shakespeares Sonette, die in ständig neuen Übersetzungen erscheinen, ist Brownings Heldenepos sicherlich nicht.

Welches Genre lesen Sie privat am liebsten? Haben Sie Lieblingsschriftsteller, ein Lieblingsbuch?

Wulf Bergner: Was ich privat am liebsten lese? Seltsamerweise weder Thriller (z.B. von Lee Child) noch Fantasy (z.B. von Stephen Donaldson), obwohl mir das beruflich nützen könnte, sondern Erzählungen und Romane. Meine Lieblingsschriftsteller? Georg Christoph Lichtenberg, Charles Dickens, Theodor Fontane, John Updike, Christa Wolf. Meine Lieblingsbücher? Heinrich Bölls »Irisches Tagesbuch« — das mich wie so viele Deutsche auf Irland neugierig gemacht hat — und Egon Fridells »Kulturgeschichte der Neuzeit«.

Ein Übersetzer interessiert sich auf alle Fälle für Literatur, kennt sich mit der Sprache gut aus und muss auch eine gewisse Kreativität an den Tag legen. Das sind eigentlich auch die wichtigsten Voraussetzungen, die ein Schriftsteller erfüllen sollte. Haben Sie schon einmal mit dem Gedanken gespielt selbst zu schreiben?

Wulf Bergner: Nein, oder jedenfalls nie ernsthaft. Ich bin selbstkritisch genug, um zu wissen, dass meine Kreativität sich aufs Reproduktive beschränkt, und halte es in diesem Punkt mit Theodor Fontane: »… wenn der Mensch zu gar nichts mehr zu brauchen ist, dichtet er und schreibt Novellen. Die Künste sind das Höchste, aber auch das Niedrigste …« Ich bewundere große Erzähler, und eben diese Bewunderung hindert mich zuverlässig daran, es ihnen gleichtun zu wollen.

Woran arbeiten Sie zur Zeit?

Wulf Bergner: Im Augenblick übersetze ich für Blanvalet »The Enemy« von Lee Child; ungefähr ab Mitte Dezember fange ich für Heyne »The Runes of the Earth« von Stephen Donaldson an — den ersten Band der letzten Chronik von Thomas Covenant dem Zweifler. Auch in diesem Zyklus wechselt nach zwei Dritteln der Übersetzer: aus Horst Pukallus wird Wulf Bergner. Gewiss eine schwierige Aufgabe, aber ich bin zuversichtlich, dass ich sie gemeinsam mit dem Redakteur meistern werde.

Wulf Bergner Signatur

Ich möchte mich noch einmal bei Ihnen bedanken und wünsche Ihnen für alle anstehenden Projekte viel Erfolg.

 

© 2004 by www.stephen-king.de
Gerald Schnellbach und Klaus Spangenmacher

   
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