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Interview mit Dietmar Dath


Schriftsteller und Redakteur der FAZ
für stephen-king.de

 

geführt von Gerald Schnellbach

 

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Dietmar Dath, geboren 1970, veröffentlicht seit 1990 journalistische und literarische, satirische und essayistische Texte in in- und ausländischen Zeitungen und Zeitschriften. Das Themenspektrum seiner Arbeiten reicht von politischen Aspekten der Jugend- und Popkultur (Heavy Metal, Drogenpolitik, Techno, phantastisches Kino) über Wissenschaftskritik (Nanotechnik, Computerwissenschaften, Bio- und Reproduktionstechnologien) bis zu einer Reihe von Texten über bedeutende, aber weithin zu wenig bekannte Gestalten der Geistes- und Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts. Er übersetzt regelmäßig Artikel, Romane, Abhandlungen und theoretische Werke aus dem Englischen ins Deutsche (darunter Bücher des britischen Musiktheoretikers und Journalisten Kodwo Eshun, des New Yorker Filmemachers Buddy Giovinazzo und des texanischen Horrorschriftstellers Joe R. Lansdale). Von 1998 bis 2000 war er Chefredakteur der traditionsreichen Zeitschrift für Popkultur "Spex". Seit 2001 ist Dietmar Dath Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Im Dezember 2004 erschien dort von ihm ein Artikel über den letzten Band von Stephen Kings Dark Tower Saga (Der Turm). Den Artikel könnt ihr euch hier anschauen. Für stephen-king.de erklärte sich Herr Dath bereit, ein paar Fragen über seine Arbeit und den Dark Tower Zyklus zu beantworten.

 

Hallo Herr Dath,

vielen Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben, uns ein paar Fragen zu beantworten.

Als Redakteur der FAZ schreiben Sie auch Rezensionen bzw. Kritiken zu Büchern (u. a. Stephen Kings "Der Turm"). Sind dies alles Auftragsarbeiten oder gehen Sie in eine Bücherei, kaufen ein Buch, das Sie interessant finden und schreiben darüber?

Dietmar Dath: Beim sogenannten bürgerlichen Feuilleton, also v.a. in den großen überregionalen Tageszeitungen, gibt es Literaturressortredaktionen. Die vergeben nicht nur Aufträge, sondern nehmen auch Wünsche anderer Redakteure aus anderen Ressorts und freier Mitarbeiter an, nur mit drei bis vier Literaturredakteuren würde man der Flut des Gedruckten sowieso nicht Herr werden. Ich bespreche für die F.A.Z. meistens Science Fiction, Fantasy oder Horror; in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle sind das Bücher, von deren Existenz ich aufgrund meiner Genre-Interessen weiß, bevor die Literaturredakteure davon Wind bekommen. Oft habe ich die Sachen schon im englischen Original gelesen. Trotzdem zwinge ich mich, deutsche Fassungen nicht nur zu überfliegen, sondern so sorgfältig zu lesen, als ob mir das betreffende Buch zum ersten mal begegnet.

In Ihrem Artikel über "Der Turm" gehen Sie auch auf die Übersetzungsproblematik ein. Sie schreiben, dass die Übersetzung von Wulf Bergner nicht sehr gelungen ist. Allerdings kritisieren Sie auch Dinge, die bereits von Joachim Körber in den ersten vier Bänden eingebracht wurden. Viele Fans der Reihe halten die Übersetzungen von Joachim Körber für die besten King-Übersetzungen. Sind für Sie, im Falle "Dark Tower", beide Übersetzungen "schlecht"?

Dietmar Dath: Mir gefallen einige terminologische Entscheidungen für stehende Begriffe aus der "Turm"-Mythologie nicht – "Balken" für Beam, obwohl das was Immaterielles ist, wie in "beam of light", also besser "Strahl" o.ä. heißen sollte, "Wörterschmied" für "Wordslinger", was die v. King beabsichtigte Parallele zu "Gunslinger" völlig verdunkelt, und so weiter und so fort – und für einige dieser Begriffsentscheidungen mag auch Joachim Körber den Kopf hinhalten müssen. Aber Sätze oder Wendungen wie "Der verletzte Arm war noch unproblematischer dran" "und wenn du Glück hast, kommst du allein mit einer Schelte davon" (er meint: wirst du bloß gescholten, nicht: andere werden vielleicht auch ausgeschimpft), ein Samen, den ein weiblicher Dämon "gespeichert" hat statt bewahrt, "das plärrende Pulsieren" der Wachanlage (statt: das pulsierende Plärren) und ähnliche, meistens von allzu wörtlicher Übernahme englischer Vorgaben verursachte Rohrkrepierer, sind allein Bergners Leistung und zerstören völlig die Registervielfalt der Tonfälle, von archaisierend-höfischer Feudalsprache bis zu Neuengland-Dialekt, die King bietet (alle Beispiele habe ich mit zehn Minuten Blätterarbeit in "Susannah" gefunden, sie lassen sich endlos vermehren). An solche Klopper, in dieser Häufung, kann ich mich aus Körbers Zeiten nicht erinnern, und ich habe das lange verfolgt. Allgemein kann man sagen, dass in Deutschland, angefangen von den Titeln – seit dem Erfolg von "Es" musste unbedingt alles möglichst einsilbig und einprägsam heißen, so wurde "Misery" zu "Sie", und über "Schwarz" und "Tot" brauchen wir uns wohl nicht lange zu unterhalten -, eine ziemlich leichtfertige Praxis des Umspringens mit King zu beobachten ist, und ich bin persönlich einem King-Übersetzer begegnet (der Name tut nichts zur Sache, in diesem Punkt dürfte der Mann schmählich repräsentativ sein), der mir ganz unschuldig verraten hat, woran das liegt: King, so durfte ich staunend erfahren, sei ohnehin leicht zu übersetzen. Das ist ein Irrtum. Das täuscht. Es sieht einfach aus, genau wie Fred Astaires leichtfüßige Tanzerei – aber wenn sie es nachahmen, fallen sie alle auf die Fresse.

Abgesehen von der Unterschätzung der Aufgabe – ich darf dazu, denke ich, eine Meinung haben, habe nämlich auch ein paar Bücher übersetzt und ein paar geschrieben – ist der Hauptgrund für die Schlamperei allerdings wohl der Zeitdruck: Die Dinger erscheinen auf deutsch immer recht kurz nach der Originalsausgabe; selbst wenn man annimmt, dass die Übersetzer das Buch in der Manuskript-Rohfassung, also vor dem Copy-Editing, in die Hände kriegen, i.e. ungefähr dann, wenn auch Kings amerikanischer Lektor es das erste mal liest: Die Zeit, die dann bleibt, reicht beim Umfang der meisten Bücher Kings einfach nicht für ordentliche Arbeit, und wer etwas anderes behauptet, streut Blödsinn in die Welt.

Wenn man sich etwas umhört, sind aber auch eingefleischte Fans mit den letzten drei Bänden im allgemeinen unzufrieden. Erkennen Sie auch einen "Bruch" zwischen dem vierten und dem fünften Band?

Dietmar Dath: Der Bruch ist da. Die ersten vier sind für die Fans und die Gegenwart, die letzten drei für die Nachwelt und dienen der Absicherung einer wie auch immer gewollten, manchmal auch leicht gezwungenen Kohärenz des Gesamtwerks. Die ersten vier sind folglich draufgängerisch, welterschließend, in Dur-Tönen, die späten eher melancholisch, entsagungsvoll, in Moll. Beides hat seine Reize, aus privaten Gründen ziehe ich die späten sogar fast vor – allein und auratisch steht allerdings "Wizard and Glass" da, weil er es da meiner Auffassung nach geschafft hat, seine literarischen Absichten – die Thematisierung der kulturindustriell vorgegebenen phantastischen Welten etwa, in Form der "Oz"-Pastiche-Stellen etc. – und das unmittelbar narrative Ding, nämlich die schönste Liebesgeschichte, die ihm je eingefallen ist, absolut fugenlos ineinanderzupassen; sehr beeindruckend, vielleicht ein geheimer Höhepunkt.

Was ist das faszinierende an der Dark Tower Reihe?

Dietmar Dath: Daß jemand amerikanisches Alltagsmaterial, Hollywoodmaterial, vormodern mythisches Material, spekulativ theologisch-kosmologisches Material und schließlich autobiographisches Material absolut gleichberechtigt beim Bau einer vollkommen schlüssigen Welt verwenden kann. Eigentlich müsste dabei nämlich ein völlig disparates, eklektisches, setzkastenartig zusammengewürfeltes Zeug rauskommen, aber King macht die Sachen durch die Intensität seines Erzählzwangs so glühend heiß, dass sie sich ohne weiteres aneinanderschweißen lassen und man das Gefühl hat: Ja, das KANN nicht nur hinhauen, das MUSS genau so sein, wie er es gemacht hat.

Glauben Sie dass die Dark Tower Reihe in der Literatur einen ähnlichen Stellenwert wie z. B. "Der Herr der Ringe" einnehmen wird? Liest man King auch noch in 50 oder 100 Jahren?

Dietmar Dath: Ich weiß nicht, ob man in 50 oder 100 Jahren überhaupt noch so liest wie heute. Das Epos hatte seine Zeit; die der Romanform geht vielleicht gerade zu Ende. Wenn nicht, dann ist King sicher ein besserer Kandidat fürs Überdauern als die geklonten Tolkien-Epigonen, die überall alle Fantasy-Regale mit ihrem Quatsch vollstellen. Vielleicht werden einige der anderen Bücher von King mehr Leser haben als die Dark Tower-Bände, aber diejenigen Leser, die den Schlüssel zum Rest suchen – das werden nicht alle sein, man kann das, was Autoren machen, auch genießen und verwerten, wenn man den Schlüssel dazu nicht hat – werden dort nachgucken müssen.

Stephen King wurde 2003 in den USA mit dem "National Book Award" ausgezeichnet, worauf ein Aufschrei des Entsetzens durch die Reihen der Literaturkritiker ging. In seiner Dankesrede sagte King dann auch prompt, dass er den Preis stellvertretend für John Grisham, Tom Clancy und alle anderen Schriftsteller von "Unterhaltungsliteratur" entgegen nimmt. Wie ist Ihre Meinung dazu? Wird Unterhaltungsliteratur zu wenig gewürdigt? Warum fassen viele Kritiker solche Bücher erst gar nicht an bzw. zerreißen sie in ihren Kritiken? Sind die Bücher so schlecht und haben "wir" Leser keine Ahnung von Literatur?

Dietmar Dath: Machen wir es kurz: King ist so gut wie Charles Dickens und so populär wie der. Daß er sich mit Grisham und Clancy vergleicht, ist Bescheidenheit, er schreibt besser. Es gibt Autoren, die zur Dickens-Zeit wahnsinnig populär waren und von denen höchstens ein, zwei Bände sich halten konnten, Wilkie Collins zum Beispiel, oder Bulwer-Lytton. Aber von Dickens sind selbst auf deutsch fast ALLE Bände in MINDESTENS einer Taschenbuchausgabe erhältlich – der Unterschied ist der: Grisham, Clancy, Crichton, Collins oder Bulwer haben einzelne spannende, oft auch handwerklich gelungene Bücher geschrieben. Aber Autoren wie King, Dickens, Dostojewski, Lovecraft haben WELTEN erschaffen, die es ohne sie nicht gäbe. Man weiß sofort, wo man ist, wenn man den Erzählraum einer Geschichte von King betritt, die Stimme, die Textur, der Geruch, das alles ist unverwechselbar.

Beim zweiten Teil der Frage kann man es noch kürzer machen: Die meisten hauptamtlichen Kritiker lesen zu wenig, nämlich bald nur noch das, was sie lesen müssen, um im bereits laufenden Gespräch der Kritik mitreden zu können, eigene Investitionen in den Ruf bestimmter Autoren zu schützen, Strategien der Durchsetzung zu verfolgen… es ist halt ein Beruf, und hat mit Liebe zur Literatur nur in einzelnen, besessenen Fällen irgend etwas zu tun. Wird Unterhaltungsliteratur zu wenig gewürdigt? Ich weiß nicht, ob es gut wäre, wenn Feuilleton und Universität sich in Dinge einmischen würden, von denen sie nichts verstehen. Die Beschwerde darüber, dass diese Kreise irgendetwas nicht wahrnehmen, zeugt oft von völlig unangemessenen Minderwertigkeitsgefühlen.

Sie sind selbst als Autor tätig. Ihrer Biografie ist zu entnehmen, dass Sie sehr vielseitig interessiert sind und sich diese vielen Interessen auch in Ihren Büchern widerspiegeln. Was bewegt Sie dazu, sich in Ihren Büchern auch mit eher ungewöhnlichen Themen zu beschäftigen?

Dietmar Dath: Die gewöhnlichen sind langweilig und schon vergeben.

Was sind Ihre Lieblingsbücher? Lieblingsautoren?

Dietmar Dath: Lieblingsbücher: "Legende" von Ronald M. Schernikau, ständig wechselnde von King, "Die Ästhetik des Widerstands" von Peter Weiss, "Bleak House" von Dickens, "Dawn Song" von Michael Marano, fast alles von Harlan Ellison, Norman Mailers "Executioner’s Song", vieles von Rainald Goetz, "The Childermass" von Wyndham Lewis. Lieblingsautoren: Mailer, King, Ellison.

Arbeiten Sie zur Zeit wieder an einem Buch?

Dietmar Dath: Ja, an zweien: In ein paar Wochen kommt ein umfangreicher Roman namens "Für immer in Honig" (mehr bald auf www.implex-verlag.de) und Mitte des Jahres wird es, wenn alles gut geht, ein Buch über Drastik – Horror, Porno, Heavy Metal – namens "Die salzweißen Augen" geben.

Wir bedanken uns noch einmal für das Interview und wünschen Ihnen für alle anstehend Projekte viel Erfolg.

 

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Gerald Schnellbach und Klaus Spangenmacher

 

Die Biografie von Dietmar Dath stammt teilweise von "verbrecherverlag.de".

 

   
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