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Interview von Marc Pitzke mit Stephen King

 November 2017

Geführt von Marc Pitzke für Spiegel Online

Stephen King ist vorgewarnt worden. "Ich habe vorhin mit meiner Frau telefoniert", erzählt er. "Sie sagte: Stephen King - so nennt sie mich nur, wenn sie es sehr, sehr ernst meint - sag bloß nichts über Donald Trump!"

King, der erfolgreichste Horrorautor der Welt ("Es", "Carrie"), kann den US-Präsidenten nicht ausstehen: Trump sei "schrecklicher als jede Horrorstory, die ich geschrieben habe", twitterte er einmal. Dass der ihn seither beleidigt auf Twitter geblockt hat, findet er umso amüsanter - Punktsieg King.

Aufgekratzt empfängt der 70-jährige King im Büro seines US-Verlegers. Sein weißgrauer Haar-Mop lugt unter einer Baseballmütze hervor. Er ist blass, aber fröhlich, so ganz anders als sein Lebenswerk. Neben ihm sitzt sein Sohn Owen King, 40, eine jüngere, fülligere Version des Vaters. Wie gesagt, bitte keine Trump-Fragen. "Wir wollen uns aufs Buch konzentrieren."

Ach was, natürlich wird er über Trump reden. Doch mehr dazu später.

SPIEGEL ONLINE: In "Sleeping Beauties" wachen alle Frauen, wenn sie einschlafen, plötzlich nicht mehr auf. Die Männer sind auf sich alleine gestellt, mit horrenden Folgen. Mr. King, Sie hatten ja immer schon einen Hang zu feministischen Horrorthemen…

Stephen King: "Carrie"!

SPIEGEL ONLINE: …Woher kommt das?

Stephen King: Ich wurde von Frauen aufgezogen. Meine Mutter war eine alleinerziehende Mutter, bevor das akzeptabel war. Sie hatte fünf Schwestern, die waren oft da. Ich heiratete eine sehr starke Frau, die ebenfalls fünf Schwestern hatte, auch die waren oft da. Es scheint mir, dass Frauen generell den Laden schmeißen. Ich fühle mich wohl dabei, über Frauen zu schreiben. Aber die Idee zu "Sleeping Beauties" kam von Owen.

Owen King: Ich fragte mich: Wie wäre es, wenn auf einmal alle Frauen weg wären? Wie würden die Männer miteinander auskommen? Das klang mir sehr nach einem Horrorroman.

SPIEGEL ONLINE: Das geht in der Tat nicht gut.

Stephen King: Männer sind das streitsüchtigere Geschlecht, glaube ich. Wir sind unbeherrschter, konfrontativer. Würden alle Männer einschlafen, würden die Frauen sehr gut miteinander klarkommen.

SPIEGEL ONLINE: Wie in der Politik?

Stephen King: Ich habe gesagt, dass ich nicht über Donald Trump reden werde. Aber nehmen Sie nur mal die Situation mit Trump und (dem nordkoreanischen Machthaber) Kim Jong Un: Zwei Männer, zwei Alphamales, stacheln sich zur ultimativen Konfrontation an. Neulich sah ich diese tolle Karikatur, da waren die beiden Babys in Windeln, saßen auf Atomraketen und drohten sich mit der Faust.

Owen King: Aber auch die Frauen in "Sleeping Beauties" finden sich nicht in einer perfekten Utopie wieder, sie sind weiter fehlerhafte Wesen, und in ihrer Welt läuft alles schief. Eine matriarchalische Gesellschaft wäre auch keine Lösung.

Stephen King: Absolut nicht.

SPIEGEL ONLINE: Der Schauplatz von "Sleeping Beauties", eine amerikanische Kleinstadt, ist zwar fiktiv, aber ein realistisches Abbild der kaputten US-Gesellschaft. Ist dieser Roman auch ein politischer Kommentar?

Stephen King: Das Buch ist eine Geschichte, kein politisches Traktat.

Owen King: Die politische Message des Romans ist das, was immer jemand daraus ziehen mag.

Stephen King: Es gibt natürlich Bücher, die wurden von einem ganz konkreten politischen Standpunkt aus geschrieben. "Farm der Tiere" oder "1984" oder Sinclair Lewis' Nazisatire "Das ist bei uns nicht möglich".

SPIEGEL ONLINE: …Die auch in "Sleeping Beauties" vorkommt.

Stephen King: Aber das wollten wir nicht. Owens Idee erinnerte mich an etwas, das meine Mutter immer sagte: Wenn du in einem Haus keinen Ring in der Kloschüssel siehst, dann ist da irgendwo eine Frau, weil Männer nicht saubermachen.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem: Der Schauplatz, eine kaputte Kohlestadt in den Appalachen, ist typisches Trump Country.

Owen King: Klar, diese Gegend ist im Moment zentral in der Geschichte unseres Landes. Aber wir haben das lange vor den Präsidentschaftswahlen 2016 geschrieben. In der ersten Fassung gab es zum Schluss sogar eine kurze Stelle, wo Hillary Clinton Präsidentin war.

Stephen King: Jede Fantasie muss ein realistisches Gerüst haben. Fiktion ist die Wahrheit in einer Lüge. Die Aufgabe eines Autors ist es, die Wahrheit zu erzählen. Und noch leben wir in einem Land, in dem wir nicht im Gulag landen, weil wir die Wahrheit sagen.

SPIEGEL ONLINE: "Sleeping Beauties" ist Ihre erste Vater-Sohn-Kooperation. Mr. King, Ihr ältester Sohn Joe Hill ist ebenfalls Schriftsteller. Liegt den Kings die blühende Fantasie im Blut?

Stephen King: Meine Söhne wuchsen in einem Haus voller Bücher auf. Als Owen ein Kind war, lebten wir mitten im Nirgendwo, er konnte nicht fernsehen, es gab keinen Empfang, das war vor dem Internet, vor Streaming, deshalb vergrub er sich immer in Büchern. Ihr hattet eine ziemliche Fantasie als Kinder, oder?

Owen King: Wir erzählten uns dauernd Geschichten. Einmal im Urlaub hatten wir kein Buch dabei, und Dad erzählte uns eine Gute-Nacht-Geschichte, die er sich ausgedacht hatte, über Spider-Man oder sowas, und die setzte sich über Tage und Tage fort. Wir liebten das, weißt du noch?

Stephen King: Das hat Spaß gemacht.

Owen King: Erzähl' uns von Spider-Man! Erzähl' uns von Spider-Man!

SPIEGEL ONLINE: Was war denn das erste Buch Ihres Vaters, das Sie gelesen haben?

Owen King: "Die Augen des Drachen", das hat er mir vorgelesen. Da war ich zehn.

Stephen King: Meine Tochter Naomi, unser ältestes Kind, wollte nichts von meinem Zeug lesen, sie mochte lieber Drachen und Einhörner. Also sagte ich, okay, ich schreibe eine Drachenstory. Und Owen war meine Zielgruppe.

SPIEGEL ONLINE: Lesen Sie beide viel?

Stephen King: Ich lese immer irgendetwas. Aber Owen hat als Leser mehr Abenteuerlust als ich. Einmal hat er mir Tolstois "Krieg und Frieden" als Audiobuch aufgenommen, selbst vorgelesen. Da war er noch ein Kind, und die ersten 40 Episoden waren Kassetten.

Owen King: Das war so lang, dass sich die Technologie mit der Zeit veränderte.

Stephen King: Du hast mir ziemlich verrückten Shit vorgelesen.

Owen King: Sogar ein paar Ausgaben von "Herr der Ringe".

Stephen King: Die meisten habe ich mir im Auto angehört.

SPIEGEL ONLINE: "Sleeping Beauties" hat im Original 704 Seiten, die deutsche Fassung sogar 960 Seiten. Wie schreibt man sowas zu zweit? Wer hat da was geschrieben?

Owen King: Er hat die guten Passagen geschrieben. Aber ich habe die wirklich guten Passagen geschrieben.

Stephen King: Es war wie Tennis. Ich schlug den Ball zu ihm rüber und er schlug ihn zu mir zurück, nur war es kein Ball, sondern eine Geschichte.

Owen King: Ich wollte nicht, dass die Leute merken, wer was geschrieben hat. Also haben wir es so durcheinander gemacht und uns auch gegenseitig redigiert. Deshalb klingt es wie keiner von uns beiden.

Stephen King: Ja, das Interessante ist, dass es sich anfühlt, als hätte es eine dritte Person geschrieben.

Owen King: Mit das Beste war, dass ich Zeit mit meinem Vater verbringen konnte. Wir sind oft getrennt voneinander, als Erwachsener sieht man seine Eltern ja nicht mehr so oft.

SPIEGEL ONLINE: Würden Sie es nochmal machen?

Owen King: Es war ein schönes Erlebnis, sehr friedlich, wir stritten uns nicht. Ich würde es nochmal machen.

Stephen King: Ich würde es auch nochmal machen. Nur das Redigieren hat nicht immer Spaß gemacht.

SPIEGEL ONLINE: Mr. King, Sie feierten kürzlich Ihren 70. Geburtstag. Denken Sie je daran, mit dem Schreiben aufzuhören?

Stephen King: Jeden Tag. Jeden Tag frage ich mich, wie viel mir verloren geht. Aber bei "Sleeping Beauties" hatte ich jemanden, der 30 Jahre jünger ist und mich anspornte. Dagegen sitze ich gerade an einem neuen Buch, das ich alleine schreibe, und da komme ich nicht weiter.

Quelle: Spiegel Online und Marc Pitzke

   
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