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Interview mit dem Schriftsteller
Wladimir Kaminer

geführt von Gerald Schnellbach

volodya

Wladimir Kaminer wurde 1967 in Moskau geboren. Er absolvierte eine Ausbildung zum Toningenieur für Theater und Rundfunk und studierte anschließend Dramaturgie am Moskauer Theaterinstitut. Seit 1990 lebt er mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in Berlin. Kaminer veröffentlicht regelmäßig Texte in verschiedenen deutschen Zeitungen und Zeitschriften, hat eine wöchentliche Sendung namens "Wladimirs Welt" beim SFB4 Radio MultiKulti und organisiert im Kaffee Burger Veranstaltungen wie seine inzwischen bekannte "Russendisko". Zu seiner offiziellen Homepage kommt ihr hier.

Das Interview wurde am 8. Oktober 2005 während einer "Russendisko" im Kaffe Burger geführt.

Hallo Herr Kaminer,

vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für dieses Interview nehmen.

In Ihren Geschichten beschreiben Sie mitunter die absurdesten und dann auch wieder ganz alltägliche Situationen. Wie viele davon haben Sie wirklich selbst erlebt?

Wladimir Kaminer: Ich habe mit Sicherheit einiges erlebt, andere Geschichten bekam ich nacherzählt. Ich halte übrigens nichts vom Ausdruck "ausgedacht", weil, woher soll dieses Ausgedachte kommen. Ich glaube, alle Autoren beziehen ihre Stoffe aus der gleichen Realität, nur mit dem Unterschied, wie weit sie bereit sind zu gehen. Ich bin von Natur aus ein Forscher. Ich forsche sehr gern. Ich bin ein neugieriger Mensch. Ich höre auch gerne zu.

Ihr neues Buch "Karaoke" erschien Ende August 2005. Darin geht es sehr viel um Musik. Welchen Stellenwert hat Musik in Ihrem Leben?

Wladimir Kaminer: In "Karaoke" haben alle Geschichten eine direkte Verbindung zu mir. Das sind keine nacherzählten Geschichten. Selbst wenn ich von Rammstein berichte und von einem Lehrbuch, in dem Rammsteintexte als ideales Lehrmaterial für Anfänger zum Deutsch lernen benutzt werden, dann ist das ein Buch, das ich in Moskau geschenkt bekommen habe und das auf meinem Schreibtisch liegt. Im Buch "Karaoke" ist alles wahr, was da geschrieben steht.

Egal, was ich gemacht habe, es spielte immer eine Musik im Hintergrund. Es war nicht immer gute Musik. Das war manchmal Musik zum Hassen. Es spielte aber eben auch diese schlechte Musik als Ritual, als Lebensritual, immer eine wichtige Rolle. Und irgendwann einmal fragte ich mich, warum die Musik so eine besondere Stellung hat, und die Antwort darauf ist mein Buch.

Bis jetzt gibt es von Ihnen fast ausschließlich Kurzgeschichten zu lesen. Wie stehen Sie dem Thema "Roman" gegenüber?

Wladimir Kaminer: Ich sehe das anders. Ich verstehe die Menschen überhaupt nicht, die mich immer wieder nach der literarischen Form fragen. Als z. B. vor vielen vielen Jahren mein erstes Buch "Russendisko" erschien, schrieben viele: "Roman Russendisko", und das sind nun wirklich sehr kurze Kurzgeschichten. Dann habe ich eine sehr lange Kurzgeschichte geschrieben, "Militärmusik". Sie wurde dann auch als Roman bezeichnet. Jetzt habe ich tatsächlich einen Roman, aus meiner Sicht einen Roman, geschrieben, "Karaoke", in dem die gleichen Figuren, so zwei, drei, vier Figuren immer wieder auftauchen und einen bestimmten Lebensabschnitt quasi zusammen verbringen, und das wird wieder als Kurzgeschichtenbuch bewertet. Oder "Die Reise nach Trulala", ein Buch, das aus vier oder fünf Kapiteln besteht. Jedes Kapitel hat 80 Seiten. Das wird auch als Kurzgeschichtenbuch bezeichnet. Für mich ist das alles ein und dasselbe Buch im Grunde genommen, das ich dauernd weiter schreibe. Eine wissenschaftliche Recherche über die feinen Zusammenhänge des Lebens unter verschiedenen Aspekten gesehen, diesmal unter dem Aspekt Musik. Davor waren es Reisen oder Generationskonflikte, Kindererziehung und Elternerziehung. Aber es geht im Grunde genommen immer um dasselbe. Und ich möchte natürlich, als jemand, der sich selbst für einen Wissenschaftler hält, so nah an der Realität bleiben wie möglich. Da ist natürlich jede literarische Form eine Verfälschung des Materials, die man nicht unbedingt haben will.

Der Großteil ihrer Geschichten spielt in Berlin. Wie ist die Resonanz von Nicht-Berlinern auf Ihre Bücher? Welche Erfahrungen machen Sie bei Ihren zahlreichen Lesereisen?

Wladimir Kaminer: Ich möchte jetzt nicht auf das große Land Deutschland von Berlin aus schließen, aber ich muss sagen, dass bei den Berlinern schon einige Dinge einfacher zu vermitteln sind. Die sind doch mit dieser neuen Realität mehr vertraut. Mit neue Realität meine ich, dass Grenzen wegfallen und dass Leute immer näher zueinander kommen. Ein Beispiel ist, dass ich seit 4 oder 5 Jahren, so lange bin ich schon als deutscher Schriftsteller unterwegs, den Leuten zu vermitteln versuche, dass ich ein deutscher Schriftsteller bin. In jeder zweiten Stadt bekomme ich aber entweder eine Matroschka auf den Tisch gestellt oder eine Balalaika oder Wodka. Jetzt in Weimar wurde ich von einem russischen Chor am Bahnhof begrüßt, wobei der jüngste Sänger 65 war. Das ist alles zu bedauern. Das ist sicher lustig und skurril und man kann wahrscheinlich sehr witzige Geschichten darüber schreiben, aber auf Dauer kann ich auch nicht mehr darüber lachen. Das ist absurd. Ich sitze dann in einem großen Saal, in Freiburg kürzlich, mit 500 Leuten und unterhalte mich zwei Stunden lang mit ihnen über komplizierte Themen, z. B. die europäische Union, deutsche Literatur und anderes. Danach kommen sie zu mir, um sich mein Buch signieren zu lassen und fragen mich, ob ich auf Deutsch "Für Elisabeth zum Fünfzigsten" schreiben kann, oder ob sie mir das aufschreiben sollen. Es ist irgendwie, na ja ..... also doch irgendwie sehr rückständig.

Viele Ihrer Bücher sind mittlerweile auch im Ausland erschienen, von Spanien bis Lettland. Bekommen Sie auch aus dem Ausland Leserbriefe oder ähnliches?

Wladimir Kaminer: Ja, aus sehr vielen Ländern. Bei der letzten Disko saßen wir gerade hier, da kam mein japanischer Übersetzer und freute sich ungeheuerlich. Er glaubte wahrscheinlich gar nicht, dass ich noch diese Tanzveranstaltung hier selbst mache. Er verbeugte sich immer und sagte: "Ah, Herr Kaminer, ich glaube es einfach nicht, Herr Kaminer, darf ich die Ehre besitzen, ihr Buch ins Japanische zu übersetzen." Ich dachte zuerst, das wäre irgend so ein Verrückter. Aber das war jemand von einem normalen japanischen Verlag. Die Sache war quasi im Kasten.

Bei Portugal weiß ich, dass die Bücher dort gelesen werden, weil immer wieder Portugiesen mit einer portugiesischen Ausgabe kommen und mich um ein Autogramm bitten. Oder auch dann wird es nachvollziehbar, wenn ein Land ein Buch nach dem anderen kauft. Und aus einem anderen Land kommt dann überhaupt keine Nachricht mehr, nachdem dort ein Buch erschienen ist. Deshalb kann ich nachvollziehen, dass zum Beispiel in Frankreich und Italien meine Bücher sehr gut gehen, in England gar nicht. Vielleicht war das erste schlecht übersetzt. In Norwegen und anderen skandinavischen Ländern sind sie sehr populär. Norwegen hat, glaube ich, alles gekauft, was ich bisher geschrieben habe, sogar "Mein deutsches Dschungelbuch", ein Buch, das eigentlich zum internen Gebrauch bestimmt war. Wen interessiert schon in Norwegen "Oberhausen"?

Wie auf Ihrer Homepage zu sehen ist, werden Ihre Bücher in vielen ehemaligen Ostblock-Staaten verlegt. Allerdings findet sich noch keine russische Ausgabe.

Wladimir Kaminer: Doch, doch, natürlich. Steht die russische Ausgabe von "Rusendisko" nicht auf meiner Internetseite? Aber wenn sie dort nicht aufgeführt ist, ist es mir ehrlich gesagt nur recht. Das Buch wurde sehr schlecht übersetzt. Die Zeiten haben sich verändert. Früher war ausländische Literatur in der Sowjetunion sehr gut übersetzt. Zeit und Geld spielte keine Rolle. Sehr gute Künstler, die berühmtesten Dichter und Schriftsteller des Landes haben mit Übersetzungen ihr Geld verdient, Zwetajewa, Mandelstam. Pasternak hat zum Beispiel Shakespeare übersetzt. Die besten Übersetzungen kamen dann von den Leuten, die aufgrund der Zensur ihre eigenen Werke nicht herausbringen konnten. Sie haben dann eben tolle Übersetzungen geliefert. Sie hießen in der Sowjetunion "akademische Übersetzer". Und heutzutage, in der kapitalistischen Gegenwart, wo nur das Geld zählt, ist das zu einem Geschäft geworden. Da werden Bücher für nichts eingekauft. Die Russen sind übrigens die einzigen, obwohl das ein Verlag mit Namen ist, die die hundert Dollar für den Erwerb der Lizenz noch immer nicht gezahlt haben. Und bei meinem Verlag sind sie natürlich zu faul, wegen hundert Dollar dort anzurufen. Da ist das Telefonat wahrscheinlich schon teurer. Dann wurde ein Studenten angeheuert, der dieses Buch schnell, und auch für hundert Dollar wahrscheinlich, übersetzen sollte. Und daraus entstand ein Monstrum. Ich war zuerst sehr mitgenommen wegen der Übersetzung. Aber dann habe ich andere deutsche Bücher durchgeblättert, zeitgenössische deutsche Literatur, und mir wurde klar, dass sie alle so sind.

Die in Berlin ja schon fast legendäre "Russendisko" im Kaffee Burger wurde mittlerweile auch in andere Städte exportiert. Wie werden diese Veranstaltungen dort angenommen? Sind Sie und/oder Ihr Partner dann auch immer vor Ort und legen Sie selbst auf?

Wladimir Kaminer: Nicht nur Städte, auch andere Länder. Manchmal fährt mein Kollage alleine durch die Gegend, aber eher selten. Manchmal mache ich alleine auch Veranstaltungen. Die großen Sachen, so eine richtige Tanzveranstaltung "Russendisko", die über 10 Stunden dauern kann, da sind wir natürlich immer beide zur Stelle. Inzwischen ist "Russendisko" nicht nur eine Tanzveranstaltung, die durch die Welt reist, sondern auch eine erfolgreiche Radiosendung bei Radio MultiKulti. Unser neuer Club, den wir demnächst in Berlin eröffnen werden, ein großer Club, wird "Russendisko" heißen. Russendisko Records ist eine Plattenfirma, bei der wir sehr originelle, sehr interessante russische Musik veröffentlichen. Wir sind nicht nur in Europa, sondern auch in Russland sehr anerkannt für das, was wir machen. Dort haben uns die wichtigsten Musikkritiker schon mehrmals zugestanden, dass wir, obwohl wir im Ausland sitzen, das realistischste Bild von gegenwärtiger Rockmusik in Russland vermitteln.

Wie definieren Sie für sich "Heimat"? Welche Beziehung haben Sie heute zu Russland?

Wladimir Kaminer: Ich kann keine Länder bewerten. Alle sind interessant und ich sehe, wie ein Wissenschaftler eben, dass auch die verschiedenen Länder ihre Vorteile und Nachteile haben. Meine Heimat... Ich finde, dass man eine Heimat nur einmal haben kann, genau wie eine Mutter. Meine Heimat ist die Sowjetunion, ein Land, das geografisch gar nicht mehr existiert. Aber ich trage natürlich nach wie vor die kulturelle Tradition meiner Heimat in meinem Herz und ich liebe sie natürlich, obwohl sie eine böse Mutter war in gewisser Weise. Aber genau wie mit der eigenen Mutter: Man hat sie zu lieben und zu ehren, aber man muss nicht unbedingt die ganze Zeit bei ihr wohnen. Wenn man mit 40 noch bei seiner Mutter wohnt, dann sagen auch alle, der hat wohl einen an der Klatsche. Insofern verstehe ich die Leute überhaupt nicht, die sagen "meine zweite Heimat", "meine dritte Heimat". Das ist sicherlich eine Übertreibung.

Woran arbeiten Sie zur Zeit? Gibt es andere neue Projekte neben dem Schreiben?

Wladimir Kaminer: Ich arbeite an einem Buch, das nächstes Jahr erscheint. Es ist ein Kochbuch, "Küche Totalitär", in dem ich über die sowjetische Küche berichte; ein Phänomen, das im Westen weitgehend unbekannt ist. Und dann natürlich auch über die Küche aller ehemaligen Republiken der Sowjetunion, deren Bewohner sich ja inzwischen über die ganze Welt verstreut haben und die wahrscheinlich eher in Berlin oder in Freiburg anzutreffen sind als in z. B. Moskau. Ich habe hier in Berlin in den letzten zwei, drei Jahren mehr Armenier kennen gelernt als in 23 Jahren davor in Moskau. Also mein Kochbuch ist auch ein Teil der Weltforschung, natürlich auch mit Rezepten von meiner Frau.

Außerdem arbeite ich an meinem Welt-Dschungelbuch. Dort werden unsere Auslandseinsätze beschrieben. Ich werde ja ständig auch vom Auswärtigen Amt ins Ausland geschickt, um dort Werbung für die deutsche Sprache und Kultur zu machen. Und auf diesen Reisen entstehen auch Geschichten. Das wird ein recht lustiges Buch.

Dann schreibe ich an einem Buch "Russische Nachbarn". In jeder Stadt, in der ich auftrete, kommen die Leute zu mir und sagen:"Wir haben auch russische Nachbarn". Sie erzählen dann die bescheuertsten Geschichten, die damit verbunden sind. Und in diesem Buch, beschloss ich, ich habe auch russische Nachbarn wie jeder, über meine russischen Nachbarn zu schreiben. Ich habe auch ganz viele, ganz kleine Geschichten von anderen Leuten, immer so drei, vier Sätze, oder überhaupt alles, was so über russische Nachbarn gesagt wurde, verarbeitet. Zum Beispiel habe ich ein Zitat von Strauß:"Was nutzt uns der schönste Sozialstaat, wenn die Kosaken kommen?". Ich fand das irgendwie ganz toll.

Außerdem arbeite ich an einem Berlin-Reiseführer für faule Touristen. Es wird wohl ein ganz amüsantes Buch werden, aber nicht wirklich tauglich als Reiseführer. Denn damit würde man wirklich wenig sehen.

Wir bedanken uns noch einmal für das Interview und wünschen Ihnen für alle anstehenden Projekte viel Erfolg.

Wladimir Kaminer: Ich danke auch

Eine ausführliche Bibliografie von Vladimir Kaminer findet ihr hier

© 2005 by BookOla.de
Gerald Schnellbach und Klaus Spangenmacher
Dank an Ulrike Hinderlich und Petra Gräbert für die Unterstützung

   
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